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Sell a band – Nachtrag

August 30th, 2006

Zwar hinke ich mit der Aufarbeitung der enormen Resonanz auf den Label-Artikel der letzten Woche sehr hinterher, immerhin stoße ich dabei aber auf spannende Links, die nähere Betrachtung verdienen.

Auf die Aktion „Sell a band“ beispielsweise weisen nicht nur die Kommentare im o.a. Artikel hin, sondern, dadurch aufmerksam geworden, auch die Website Webmusicbiz. Auch trudeln in den letzten Tagen verstärkt Mails bei mir ein, die sich begeistert von sellaband zeigen.

„Jule“ z.B. ist in unseren Kommentaren ganz begeistert:

Der Konsument ist gleichzeitig Finanzierer. Du hast als Fan der Band die Möglichkeit, zu investieren und gleichzeitig zu profitieren. Das schaffen nur Bands, an die wirklich geglaubt wird und die es somit verdient haben.

Und sie schiebt gleich noch hinterher:

P.S.: Dauert ja noch vier Tage, also klickt einfach mal auf “How It Works” und lest euch das Konzept durch.

Auch „Gernot“ scheint beeindruckt:

sehr schlau, das. klingt nach { the next GEMA } und nach dem vertriebssystem fuer spreeblick – kleines label mit reichweite. eine portion gluecksspiel ist auch dabei und alle beteiligten provitieren. das schreit ja geradezu nach wachstum.

Mal abgesehen davon, dass die zitierten Kommentare ob ihrer Tonalität bei mir sofort die Spam-Alarmglocken läuten lassen (ich möchte den beiden aber dennoch nichts vorwerfen, ist nur ein Bauchgefühl, ich bin da etwas sehr sensibel): Wer das sellaband-Konzept tatsächlich für modern und richtungsweisend hält, hat keinen blassen Schimmer. Oder die Vertragskonditionen nicht gelesen. Oder beides.

Schauen wir uns das System mal in Ruhe an und vergleichen es mit der aktuellen Situation und Arbeitsweise von Labels und Verlagen, denn als nichts anderes fungiert die sellaband GmbH, hinter der gestandene Musikprofis stehen (u.a. ehemalige EMI- und SonyBMG-Mitarbeiter), gegenüber den teilnehmenden und evtl. „gewinnenden“ Bands:

Ein „normales“ Label, eine Plattenfirma also, bietet im Normalfall Künstlern entweder einen „Künstler-Vertrag“ oder einen „Bandübernahme-Vertrag“ an. Beim Künstler-Deal bezahlt das Label alle anfallenden Kosten wie die reine Produktion der Aufnahmen, dafür erhält der Künstler eine kleinere Beteiligung an den Einnahmen. Im Fall eines Bandübernahme-Deals hat der Künstler die Aufnahmen meist schon selbst finanziert, das Label kauft ihm die Bänder ab bzw. beteiligt den Künstler zu größeren Teilen an den Einnahmen als beim Künstler-Deal.

Sollte es dem Label finanziell möglich sein (bei großen Labels ist das die Regel, bei kleinen nicht zwingend), erhält der Künstler einen Vorschuss auf seine zu erwartenden Tantiemen – von diesem Geld kann der Künstler dann im besten Fall eine Weile leben, sich neues Equipment zulegen oder, so ist es meistens, seine bisher angefallenen Schulden bei Freunden abbezahlen. Vorschüsse eines Labels werden zwar verrechnet (daher der Name), sind jedoch nicht rückzahlbar. Anders gesagt: Sollte der Künstler seine Vorschüsse nicht „einspielen“, ist das zwar schade, aber in jedem Fall das Risiko des Labels. Der Künstler muss also Vorschüsse im Falles des Misserfolgs seiner Produktion nicht aus anderen Quellen zurückzahlen.

Weiterhin verpflichten sich Labels in der Regel zu weiteren Investitionen in den Künstler: Tour-Zuschüsse, Marketing, Promotion… teilweise sind auch diese Ausgaben wie der Vorschuss zumindest zu einem Teil mit kommenden Einnahmen verrechenbar, dennoch geht das Label zu einem nicht unerheblichen Teil mit ins Risiko.

Und wie macht das sellaband?

Auch hier wird ein Bandübernahme-Vertrag abgeschlossen, jede bei sellaband teilnehmende Band verpflichtet sich dazu im Voraus. Zustande kommt der Deal natürlich nur, wenn die Band auch wirklich 5.000 Leute auftreibt, die blind für jeweils 10 Dollar die kommende CD kaufen und somit dem Label sellaband sämtliche Produktionskosten abnehmen. Das Risiko für sellaband hält sich mit einer Website in überschaubaren Grenzen, am teuersten dürften die Anwälte gewesen sein, die für Konditionen verantwortlich sind. Denn zu weiteren, eigenen Investitionen für den Künstler verpflichtet sich sellaband wenn überhaupt nur sehr vage.

Eine Band unter Vertrag nehmen, die 5.000 Fans und 50.000 Dollar mitbringt und ansonsten kaum Ansprüche an das Label stellt? Würde ich auch machen. Als Label.

Doch damit nicht genug. Schließlich geht es ja auch noch um die Verlagsrechte an den aufgenommenen (und zwingend selbstkomponierten) Songs. Diese gehen ebenfalls automatisch an sellaband und auch hier: Kein Cent Vorschüsse (bei „normalen“ Verlagen sind Vorschüsse üblich), nichts über Pflichten oder Leistungen, die der Verlag zu erbringen hat. Achja, und wer nach erfolgreicher sellaband-Aktion gerne weiter selbst im Netz aktiv werden möchte, hat sich geschnitten: Die sellaband-Deals untersagen eigene Aktivitäten hinsichtlich der betreffenden Songs außerhalb von sellaband.

Die wenigen Vorteile, die eine Teilnahme bei sellaband bringen mögen, sind lächerlich. Einen eigenen Web-Bereich darf man in Zeiten von MySpace etc. kaum als Investition werten, die Beteiligung an den Werbeeinnahmen des Web-Bereichs der eigenen Band (nach Abzug der nicht bezifferten Kosten natürlich) dürften verschwindend gering sein und auch die Beteiligung der Fans an den Erlösen kommt etwas scheinheilig daher, bedenkt man, dass diese unter 5.000 Leuten geteilt werden müssen.

Wer als Band weiterkommen will, sollte auf eigene Aktivitäten im Netz und in der „echten Welt“ setzen und nicht aufhören, an sich zu glauben, selbst wenn es Absagen regnet. Man kann schließlich CDs relativ kostengünstig selbst produzieren und auf Konzerten verkaufen. Mit etwas Glück wird tatsächlich ein Label aufmerksam, doch dann kann man, wenn man das überhaupt möchte, wenigstens über Konditionen und auch Gelder verhandeln.

Ein Label jedoch, das von seinen Bands erwartet 50.000 Dollar aufzutreiben (ganz abgesehen von allem übrigens für eine „kleine“ Band trotz Internet ein fast unmögliches Unterfangen) und blind exklusive Label- und Verlags-Verträge zu unterschreiben, ist in meinen Augen weder modern noch fair. Sondern hauptsächlich fragwürdig.

(Und mit „The next GEMA“ hat das alles mal eben gar nichts zu tun, denn es würde mich stark überraschen, wenn die Verlagsabteilung von sellaband kein GEMA-Mitglied wäre)

via spreeblick

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